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Das Rätsel der zeremoniellen Gabe: darbieten, herausfordern, binden

 

Der Text mit dem Titel "Das Rätsel der zeremoniellen Gabe: darbieten, herausfordern, binden" aus dem Werk  "Der Preis der Wahrheit. Gabe, Geld und Philosophie." von Marcel Hénaff handelt von dem Ablauf, d.h. von dem Prozess, der der Handlung der zeremoniellen Gabe unterliegt und von dem Zweck und Zielen der zeremoniellen Gabe.

Eines der Ziele der zeremoniellen Gabe ist es, dem anderen gegenüber Wertschätzung und Anerkennung zu erweisen. Eine besondere Rolle spielt dies bei der Begegnung mit einer einer Gemeinschaft (oder sozialen Gruppe) fremden Persönlichkeit oder Gruppe. Die dargebotene Gabe, das Pfand etc. lassen die fremde Kultur Rückschlüsse daraus ziehen, ob ihnen Wertschätzung und Anerkennung entgegengebracht wird. Wenn dies der Fall ist, fühlt sich der Andere angenommen und als ein der anderen Gruppe gleiches oder ähnliches Wesen, das heißt als Mensch anerkannt und akzeptiert. Die Menschen haben zwar untereinander unterschiedliche Persönlichkeiten, aber sie gehören alle zur gleichen "Gattung" Mensch, gerade dies ist eine wichtige Voraussetung für den Beginn eines Gabentauschs. Wenn Anerkennung erreicht ist steigen auch die Werte der dargebotenen Güter.

Der Prozess und die Riten, nach denen ein anderer bewertet wird, d.h., anerkannt und akzeptiert wird, sind in jeder Gruppe unterschiedlich geregelt, trotzdem lassen sich zwei wesentliche Vorgänge der Anerkennung ausmachen:

1. zunächst muss der Andere als jemand Gleiches identifiziert werden, d.h. z.B. auch als Mensch.Dies ist der Augenblick adäquater Wahrnehmung.

2.  Anerkennung im Sinne von "Akzeptieren" und Absenden eines Signals von "Respekt", Ehrerweisung, und Huldigung. Zu diesem Punkt gehört auch das Darreichen von Geschenken, oder anderen Gegenständen, die Bedeutung haben, sie werden als Gut abgetreten,worauf der Andere erkennt, dass er um Erwiderung gebeten wird. Diesee Zusammenkunft zweier Partner folgt in einer besonderen Atmosphäre; sie kann emotional oder feierlich sein etc. Beide haben den Wunsch sich zu verbünden und eine Bindung einzugehen. Trotzdem wird diese Begegnung durch einen festen Ablaufplan bestimmt, der festlegt, welche Rituale u.a. dabei nicht fehlen dürfen, dies soll eine ungeschickte Improvisation verhindern: hier sind die Gesten der Gabe definiert.Bei dem Volk der Kula beginnt der Tauschhandel mit dem Klang von Schneckentrompeten. Diese festgesetzten Rituale, die eine Atmosphäre von Ernst und Hochachtung erzeugen, schließt den festlichen Charakter nicht aus.

Eine Gabe gilt daher als "zeremoniell", w enn sie öffentlichen Charakter hat, unter Beachtung bestimmter Formen und Ritualen durchgeführt wird und religiöse oder magische Bedeutung hat. Zudem muss sie mit der Verpflichtung  zur Gegengabe bzw. Erwiderung verbunden sein. Mit der Bindung ist auch die Einschätzung verbunden, ob der Partner bzgl. einer Ehe Ehemann bzw. - frau werden kann. In bes. dem Fall ist die Gabe ein besonderes Symbol, das bis zum Eingang von Beziehungen führen kann.

 Die Tatsache, dass die Menschen einen eigenen Willen verfügen und selbst Entscheidungen treffen können, macht sie einzigartig unter allen Lebewesen.

So können Menschen selbst darüber bestimmen, wer ihre zukünftigen Partner, denen sie Ehre und Anerkennung erweisen, sein sollen. Dies ist auch das Prinzip der opening gifts, die bei den Ureinwohnern Polynesiens auch unter denjenigen verteilt werden, die fremd sind. Hier ist entscheidend, im Angebot weder zu kleinlich, noch zu verschwenderisch zu sein. Im ersten Fall fehlt Wertschätzung, der zweite ist Ausdruck von Arroganz. Ein gewisses Gleichgewicht zu haben ist hier entscheidend. Der Geber ist dabei in einer günstigen Position,der Empfänger tritt als "Nutznießer" auf, weshalb die Antwort so entscheidend ist, d.h. selbst die Initiative des Gebens zu ergreifen. Gleichzeitig stellt wird durch das Geben als eigenständige Handlung schon der Anspruch auf Autonomie und Freiheit dem Gegenüber deutlich gemacht. Somit ist die Gabe ein Verhältnis des Respekts und der Würdigung dem anderen gegenüber, gleichzeitig aber auch eine Herausforderung, indem man den anderen auffordert, sich seinen Regeln entspr. zu verhalten und Ansprüchen zu genügen. Somit ist es hier wie bei einem Duell, bei dem autonome Menschen sich zusammenschließen, oder ihre persönliche Freiheit einzubüßen. Geschieht dies doch, entsteht ein Konflikt.

Das dargebotene Gut hat symbolischen Charakter und gilt z.B. bzgl. der Ehe als Zeugnis des Bündes. Bei dem Tausch im Kula- Ritual dient es auch dazu, im Wechsel untereinander, den Anderen anzuerkennen und Ehrerbietung zu erweisen, im Rahmen festgesetzter Regeln. Daher dient es dazu, Bündnisse zu schließen o. zu erneuern. 

Der Wissenschaftler Lévi-Strauss, hat die Struktur und das Funktionierenvon Verwandtschaftssystemen in tradit. Gesellschaften erforscht und sich mit Themen, die die Gesellschaft prägen, wie z.B. das Inzestverbot und deren Ursachen befasst. Dabei ist er zu dem Ergebnis gekommen, dass v.a. gesellschaftliche und institutionelle, d.h. von der Gesellschaft festgestzte Regeln und Strukturen,dazu führen, dass bestimmte Beziehungen etc. als normkonform und andere als verpöhnt gelten (s. Inzestverbot). 

Die menschliche Fortpflanzung wird zwar von der Natur vorgeschrieben, ob es zu sex. Vereinigungen kommt und unter welchen Partnern (d.h. erlaubte u. verbotene Ehegatten) bestimmt aber die Gesellschaft.Dies ist ein entscheidender Unterschied zw. Kultur und Natur. Die von der Gesellschaft aufgestellten Regeln sind positiv zu sehen, da sie z.B. durch die Festlegung auf heterosexuelle Beziehungen und andere Beziehungsformen Gegenseitigkeit gewährleistet. Die Heiratsallianz ist dabei die entscheidende höchste Form der Beziehung und Anerkennung, die durch die gegenseitige Gabe gewärleistet ist bzw. entsteht. Durch die neuen Beziehungen und Heiraten zw. Menschen, die unter sich neue Regeln festlegen und die Gruppe nun anders beeinflussen als Unverheiratete steht die Existenzder Gruppe nun auf dem Spiel. Die Heiratsallianz ist instit. und perpetuelle Anerkennung auf lange Sicht, indem sie Reproduktion des Lebens mit der Alternanz der Generationen verknüpft. Die Beziehungen entstehen durch gegebene Sache, wobei dessen Wert so groß sein muss, dass er beim Gegenüber Anerkennung erzeugen kann. Auch gängige Gegenstände können verwendet werden als Gut, da sie dargeboten werden und durch Zirkulation wie z.B. bei dem vay gua - Tausch der Ureinwohner in Polynesien, der Wert der Gegenstände zunimmt. Mit der Übergabe von Partner zu Partner werden neue Beziehungen bzw. ein Band geknüpft und der Gegenstand besitzt immer wieder eine neue Individualität. Wenn ein Fremder das dargebotene Gut akzeptiert und den anderen anerkennt, gilt er nicht mehr als Fremder, sondern kann Teil der Gruppe werden. Bei Beginn einer Beziehung mit Fremden wird die Angst ihm gegenüber abgebaut und es steht eine Beziehung der Gastfreundschaft, wobei z.B. bei Heiratsallianzen auch neue Verpflichtungen dem Partner gegenüber entstehen, die erfüllt sein müssen, damit die Beziehung aufrechterhalten werden kann. Bei Heiratsallianz etc. müssen auch Regeln aufgestellt und aufrechterhalten werden, die den Umgang mit Fremden regeln und Normen festlegen, unter welchen Bedingungen er nicht mehr als Fremder gilt. So kann gesagt werden, dass Beziehung durch Gastfreundschaft und den Austausch von Geschenken entsteht, der Entzug der Verpflichtung, d.h. den Anderen z.B.  nicht mehr zum Akt der Anerkennung zu zwingen auf Dauer entehrend wirkt und die eigene Persönlichkeit bedroht, da der Mensch auf regelmäßige Anerkennung auch bzgl. seiner eigenen Wertschätzung angewiesen ist. Die zeremonielle Gabe ist ferner ein Mittel, um sicherzustellen, dass man auch unter sich leben kann, wenn ein Fremder auftaucht. Die Anerkennung des Fremden ist nahezu unmöglich, man hat nur die Wahl zw. vereinnahmen oder ausschließen (S. 228). Die Begegnung mit Femden stellt ene schmale Grenze zw. Anerkennung und Ablehnung dar und es braucht viel Zeit, bis Fremder Teil der Gemeinschaft wird(S. 229).

Abgesehen von Gaben, die unter Partnern oder Gruppen getauscht werden, gibt es auch solche, die in einer Familie als unentbehrlch gelten, da sie Zeugnis ihrer Identit und in Bezug auf eine Gruppe ihren Status und Größe repräsentieren. Diese Gegenstände gelten als kostbar, weil sie dem gegenseitigen Tausch entzogen sind, wie das Beispiel der Kwakiutl (S.230) im Text zeigt.   Mauss definiert diese Dinge als Dinge, die  stets geistigen Ursprungs und geistiger Natur sind. Dabei können zwei Systeme unterschieden  werden, das horizontal transitive System, das das gesellschaftl. Leben in der Gegenwart sichert und nur die Beziehungen der Menschen untereinander betrifft. Und das intransitive vertikale System, das die Fortdauer der Gemeinschaft sichert, und das soziale Band mit Gottheiten verknüpft, denen die Gesellschaft ihre Existenz verdankt, da sie auch die Beziehungen bewirkt haben. Damit die rituelle Gabe nicht nur die Beziehung zwischen zwei Partnern sichert, sondern auch die ges. Gesellschaft einschließt, muss sie etwas enthalten, das für die Existenz eines jeden unentbehrlich ist. Hier ist auch die gegenseitige Anerkennung entscheidend.

Die Götter sind die Absender der Gaben, Menschen die Empfänger. Aufden Empfang der Gaben erfolgt die Erwiderung der Menschen durch Gebet oder Dankesworte. Die "sacra" als von Göttern gegebene Gabe sind alle Dinge, in ihrer ständigen Erscheinung (Welt, Leben etc.) Bei beiden Formen der Gaben ist Anerkennung gewährleistet, bei den "sacra" die Anerkennung durch die Gottheiten. Die 2. Gabe ist "Symbol des Pakts", d.h. der Beziehung zwischen den Menschen einer Gesellschaft, die durch die gegenseitige Gabe geknüpft wird.Durch das Bündnis entsteht eine Forderung nach Gegenseitigkeit, die die ganze Welt betrifft. In der 1. Gabe zeichnet sich das Denken der Gnade ab gegründet in den Gottheiten. Das Gut ist nicht Zeichen von Konsum, sondern drückt die Ehrung des anderen in seinem Status aus und dient als Zeugnis des geschlossenen Bündnisses.

Auf diese Weise ist zeremonielle Gabe strukturiert. Vor allem aber ist ihr Ziel, Anerkennung beim Partner zu erlangen durch die Gabe und Beziehung aufzubauen, auch auf lange Sicht wie bei Hochzeiten. 

 

 

10.11.15 11:49

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